Gesprächskreis - Gott und die Welt

Gespräche zu Themen der Zeit im Stäble

Hier ein Bericht vom ersten Themenabend am 16.2.2011 im Bürgerhaus Nellingsheim

Mohammed - Prohet und politischer Gestalter

Pfarrer i.R. Friedrich Murthum aus Herrenberg

Im Bürgerhaus Nellingsheim trafen sich am 16.Februar 2011 unerwartet viele Interessierte.

Der Referenten Pfarrer i. R. Friedrich Murthum aus Herrenberg führte die Zuhörer in dieses sehr interessante Thema ein.

 


In der Südwestpresse, Schwäbisches Tagblatt, erschien dazu am 18.2.2011 folgender Artikel, verfaßt von Herrn Willibald Ruscheinski, den wir mit Erlaubnis des Schw. Tagblatts und von Herrn Ruscheinski hier veröffentlichen:


 

Was Christen Jesus, ist Muslimen der Koran

 

Pfarrer Friedrich Murthum sprach in Nellingsheim über Leben und Wirken des Propheten Mohammed

 

Einblicke in den Islam und seine Entstehung gab Pfarrer Friedrich Murthum am Mittwochabend im Bürgerhaus Nellingsheim. Vor etwa 50 Zuhörern sprach er dort über „Mohammed – Prophet und politischer Gestalter“.

 

Nellingsheim. Den Islam kennengelernt hat Murthum, der in Herrenberg seinen Ruhestand verbringt, im ostafrikanischen Tansania, wo er mehrere Jahre lang evangelische Pfarrer ausbildete. Eine Begegnung, die ihn dazu bewog, nach der Pensionierung noch einmal sechs Jahre Orient- und Islamkunde an der Universität Tübingen zu studieren.

In der ersten Veranstaltung der Reihe „Gott und die Welt“, die von den vier evangelischen Kirchengemeinden im Stäble getragen wird, zeichnete Murthum zunächst ein Bild der arabischen Halbinsel als einer Region, die zu Beginn des 7. Jahrhunderts eigentlich kurz davor war, christianisiert zu werden, wäre es dank der „starken Persönlichkeit“ des „Vielgepriesenen“ nicht anders gekommen.

Ums 40. Lebensjahr herum begann der Fernhandelskaufmann Mohammed plötzlich, Offenbarungen zu empfangen. Ihre Inhalte schienen ihm zunächst mit dem übereinzustimmen, was in Arabien über die Ein-Gott-Religionen aus dem Orden bekannt war. Weil die Aristokratie im heimischen Mekka sich der Bekehrung verweigerte, siedelte der Prophet 622 ins entgegenkommendere Medina über. Diese „Hidschra“ (Auswanderung) gilt als Gründungsdatum der „Umma“ (Gemeinschaft aller Muslime) und Beginn der islamischen Zeitrechnung.

„Ab hier wird es politisch“, sagte Murthum, denn Mohammed avancierte zum Stadtoberhaupt. Anders als die 86 in Mekka entstandenen regeln die 28 Suren aus Medina nun vornehmlich das Zusammenleben der Muslime.

Weit mehr noch als Judentum und Christentum, so Murthum, ist der Islam eine Schriftreligion. Denn während die Bibel von Offenbarung nur berichtet, ist der Koran selbst für Muslime die „Begegnung mit dem Heiligen“. Im Grunde komme ihm also jene Rolle zu, die im Christentum Jesus Christus einnehme, nämlich die des Bindegliedes zwischen Gott und den Menschen.

Muslime glauben an ein Ur-Buch, das im Himmel bei Gott liege. Dieser habe den Inhalt seinem Propheten über Engel offenbart, und zwar im arabischen Wortlaut, weshalb der Koran nicht in andere Sprachen übersetzbar ist. Aus dieser Un-Erschaffenheit des Koran folgt laut Murthum auch, dass man „mit seinen Aussagen nicht gut kritisch umgehen kann.“ Zwar gebe es inzwischen in der Islamwissenschaft Ansätze etwa zur vergleichenden Untersuchung verschiedener Textüberlieferungen. „Aber das geschieht im Westen und nicht in einer der klassischen theologischen Ausbildungsstätten des Islam.“

Murthum zeigte en passant immer wieder Züge des Islam auf, die von den beiden älteren monotheistischen Religionen inspiriert sind, als deren Vollendung er sich empfindet. Tatsächlich gingen Muslime davon aus, dass christliche und jüdische Propheten Botschaften vom selben Gott empfangen hätten, diese aber verfälscht worden seien. In den Staaten der klassischen islamischen Periode mussten Christen zwar besondere Steuern zahlen und waren von der Macht ausgeschlossen, konnten ihren Glauben jedoch unbehelligt leben, sofern sie die politische Führung der Muslime anerkannten.

Ob denn Religion und Staat im Islam wirklich nicht voneinander zu trennen seien, wollte eine Zuhörerin am Ende wissen. „Die Muslime tun sich mit der Religionsfreiheit schwer“, sagte Murthum: „Quellen des Rechts sind für sie Koran und Sunna“, also die Überlieferung. Damit sei das moderne Konzept von Menschenrechten kaum in Einklang zu bringen.

„Interessant“, so Murthum, werde die Entwicklung in Europa, wo der Islam eine Gesellschaft vorfinde, die nicht wie selbstverständlich die Einheit von Staat und Glaube lebe: „Muslime kommen damit nicht gut zurecht, weil sich ihnen diese Problematik bislang nicht stellte und sie von den Rechtsgelehrten deshalb auch nicht behandelt worden ist.“

Bilder von der Veranstaltung

Zuhörer

Pfarrer Friedrich Murthum, Bilder v. G. Schüz